Pachers: Dritte Generation, neu gedacht
In Neustift, gleich hinter den Weinreben, steht das Pachers. Ein Haus in dritter Generation, das Johanna, Michael und Sebastian Huber nicht neu errichtet, sondern behutsam weitergedacht haben. Wo früher Enge war, ist heute Raum: für Ruhe, für Zeit, für diese besondere Entspannung, die nur wenige Orte auslösen können.
Die Lobby ist luftig und hell, das Licht fällt anders als früher. Weniger Tracht, mehr moderne Alpinarchitektur. Die Zimmeranzahl hat sich reduziert, dafür sind sie großzügiger. Sitzecken laden zum Verweilen ein, andere zum Arbeiten. Ein Haus, das versteht, dass Menschen heute anders reisen: mit Pausen, aber auch mit Projekten. Digital-Nomaden finden hier Steckdosen mit Aussicht.
Nachhaltigkeit ist rund um das Pachers kein Claim, sondern Grundhaltung: regionale Partner, lokale Materialien und Renovierungen, die bewusst zurückhaltend geblieben sind. Das Holz kommt aus Südtiroler Wäldern, die Möbel von Tischlereien aus der Region.
Von dort führt ein Spaziergang entlang des Einsack in Richtung Zentrum – links die Weinreben, rechts das kalte Plätschern des Bachs, vorne die Berge im warmen Licht. Die Luft riecht nach Herbst und Rauch der Kamine.
Jasmin Castagnaro: Arbeit gegen die Zeit
Am Stadtrand arbeitet Jasmin Castagnaro in ihrem kleinen Studio. Ihre Arbeit bei MIYUCA beginnt, wenn das Laub fällt. Dann hat die 34-Jährige zwei Wochen Zeit, um das Material für ein ganzes Jahr zu sammeln – ein Wettlauf gegen Laubbläser und Stadtreinigung.
Auf Regalen stapeln sich Kartons mit getrockneten Blättern – Ahorn, Buche, Eiche, nach Farben sortiert wie eine Farbpalette des Herbstes. Dann beginnt der eigentliche Prozess: sortieren, trocknen, pressen, schichten. Ohne Chemie, ohne Abkürzung. Nur Geduld, Präzision und Vertrauen ins Material. Manche Serien ruhen monatelang. Am Ende entstehen Lampen und Designobjekte, die wie späte Oktober-Nachmittage leuchten. Ihre Arbeit ist ein leises Gespräch über Zeit, Wert und das, was man leicht übersieht. Was früher Abfall war, wird bei ihr zu etwas, das bleibt.
Levin Grüten: Küche mit Haltung
Über der Altstadt, in Kranebitt, liegt das AO. Von der Terrasse aus eröffnet sich der Blick über die Dächer der Stadt. Levin Grüten hat Küchen auf der ganzen Welt gesehen – und bringt nach Brixen nicht Rezepte, sondern eine Haltung: Koche mit dem, was direkt um dich herum wächst.
Die Küche des gebürtigen Belgiers ist präzise, reduziert, klar. Gleichzeitig intensiv, als würde sie die Landschaft übersetzen. Fermentierte Rote Bete mit Holunderblüten-Vinaigrette. Zweierlei Bio-Freilandhuhn vom Öbersthof oder geschmortes Wangele vom Dolomitica Rind. Sauerteigbrot mit Rohmilchbutter, die so gut ist, dass man diese noch einmal nachbestellt.
Nose-to-Tail ist selbstverständlich. Dahinter steht ein Netzwerk aus Höfen, Gärten und Produzenten: Gemüse, das reif geerntet wird. Tiere mit Zeit und Auslauf. In der Speisekammer stehen Gläser mit eingelegten Pilzen, fermentierten Tomaten, getrockneten Kräutern. Sommer, konserviert in Gläsern und in Flaschen. Teresa Pichler macht dazu die Weinbegleitung mit über 193 Etiketten, Weine aus Regionen südlich und nördlich des Alpenraums sowie hauseigene Weißweine aus Trauben direkt vor der Haustüre, wie der Sylvaner und Kerner. Vielfalt, Nachhaltigkeit und Persönlichkeit im Glas.
Galerien, Bier, Törggelen
In der Brixner Altstadt hat sich in den letzten Jahren eine Kulturszene entwickelt. Die Stadt Galerie Brixen zum Beispiel, betrieben vom Südtiroler Künstlerbund, zeigt zeitgenössische Kunst in wechselnden Ausstellungen. Im Abstand von wenigen Jahren wird die Stadtgalerie neu kuratiert, in Zusammenarbeit mit lokalen Museen und Kunsthochschulen. In Hinterhöfen und umgebauten Werkstätten haben junge Kunstschaffende aus Fotografie, Keramikhandwerk und Design ihre Ateliers eingerichtet. Räume, die nicht für den Tourismus inszeniert wurden, sondern in denen tatsächlich gearbeitet und gedacht wird.
Seit drei Jahren braut Brixen sein eigenes Bier: Viertel Bier. Die Brauerei verwendet regionales Getreide und Wasser aus dem Valser Tal. In kleinen Chargen entstehen wechselnde Sorten: mal tiefschwarz und nach Bitterschokolade duftend, mal hell, mal fruchtig. Geschmäcker einer Stadt, die gerade ihren eigenen Takt findet.
Im Herbst dann: das Törggelen. Auf Eisacktaler Höfen öffnen junge Bauern und Bäuerinnen sowie Winzer:innen ihre Türen. Es gibt historische Gerichte, lokalen Wein, Gemüse aus dem eigenen Garten. Schlutzkrapfen, handgemacht und gefüllt mit Spinat und Ricotta. Hauswurst vom eigenen Hof. Geröstete Kastanien, dazu junger Wein. Keine Folklore-Veranstaltung, sondern eine lebendige Tradition, die weitergetragen wird. Man isst langsam, trinkt bedacht, Zeit spielt hier keine Rolle. Wir haben dem Törggelen direkt ein Gedicht gewidmet.
Dazu kommen die vertrauten Anker: Alter Schlachthof mit ehrlicher Küche, das Wirtshaus Decantei, das Omas Südtiroler Küche mit Kreativität und Liebe zum Handwerk neu interpretiert sowie das FINK, ein über 600 Jahre altes Laubenhaus mitten in der Altstadt. Hier pflegt Florian Fink die sogenannte Klosterküche – inspiriert von jahrhundertealtem Wissen aus den Brixner Klostergärten. Der Fokus liegt auf pflanzlichen Zutaten, die Speisekarte bietet eine große Auswahl an veganen und vegetarischen Gerichten. Tartar vom Wurzelgemüse, Eisacktaler Weinsuppe, Kloster Schlutzer mit Mangold und Wildspinat – Gerichte, bei denen aus dem Einfachen das Beste kreiert wird.
Die Veränderung drängt sich hier also nicht auf. Sie zeigt sich in Details, in neuen Räumen, in der Art, wie hier mittlerweile gearbeitet, gekocht und gedacht wird. Menschen, die woanders gelebt haben, kehren zurück und eröffnen hippe Restaurants, Ateliers, Werkstätten. Sie brauen Bier, gestalten Hotels um, arbeiten mit lokalen Produzenten.
Wer ein paar Tage in Brixen verbringt, spürt den Umbruch: Man erlebt eine Stadt, die ihre Tradition nicht ablegt, sondern weiterdenkt. Brixen bleibt Brixen, atemberaubende Berge, historische Gassen und der rauschende Eisack. Aber zwischen all dem entsteht gerade etwas Neues – jung, kreativ und neugierig. Ein Ort, der nichts verlangt, aber viel gibt.
Words: Julian Lemme Photos: Robin Schmitt, Julian Lemme


